Wie kann Künstliche Intelligenz Campinggäste bei der Auswahl eines geeigneten Stellplatzes unterstützen und dabei verlässliche Empfehlungen geben? Mit dieser Frage beschäftigen sich Studierende der Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Wismar im Wintersemester 2026/2027. Im Modul „Unternehmensmodelle und -architekturen“ entwickeln sie gemeinsam mit dem Praxispartner CampNerd GmbH & Co. KG ein Konzept für eine KI-gestützte Beratungsarchitektur. Im Mittelpunkt steht die Verbindung von Sprachmodellen, verbindlichen Geschäftsregeln und geprüften Informationen.
CampNerd entwickelt seit rund zwei Jahren digitale Lösungen für Campingplatzbetreiber. Erste Erfahrungen mit KI-basierten Telefonassistenten zeigen, dass Sprachmodelle zwar Kundenanfragen flexibel verarbeiten können, ihre Antworten jedoch nicht immer fachlich korrekt sind. Gerade bei Buchungen, Preisabfragen und individuellen Empfehlungen kann dies zu Problemen führen. Das Unternehmen arbeitet deshalb bereits an einer technischen Lösung, bei der eine Regelengine die Entscheidungen des Sprachmodells anhand festgelegter Geschäftsregeln überprüft.
Von der Kundenanfrage zur nachvollziehbaren Empfehlung
Hier setzt das Semesterprojekt an. Die Studierenden untersuchen zunächst die bestehende Systemarchitektur und analysieren, wie Kundenanfragen verarbeitet, Informationen geprüft und Entscheidungen getroffen werden. Anschließend entwickeln sie ein Konzept, das die bisherige regelbasierte Buchungsunterstützung um eine individuelle Stellplatzberatung erweitert.
Ein konkretes Beispiel verdeutlicht die Herausforderung: Ein Gast sucht einen ruhigen Stellplatz in Strandnähe für sein acht Meter langes Wohnmobil. Während die Fahrzeuglänge eine verbindliche Anforderung darstellt, sind Ruhe und Strandnähe persönliche Wünsche. Das zukünftige System soll solche Unterschiede erkennen, ungeeignete Stellplätze ausschließen und passende Alternativen nachvollziehbar empfehlen. Bei widersprüchlichen Angaben oder fehlenden Informationen soll der KI-Assistent gezielt nachfragen.
Ein zweiter Anwendungsfall beschäftigt sich mit Empfehlungen für Restaurants, Freizeitangebote und Kureinrichtungen. Fragt ein Gast beispielsweise nach Aktivitäten für Familien bei schlechtem Wetter, soll das System geeignete Angebote aus einem geprüften Wissensbestand auswählen. Dabei spielen Informationen wie Öffnungszeiten, Entfernung, Zielgruppen und Aktualität eine wichtige Rolle. Empfehlungen müssen sich auf tatsächlich hinterlegte Informationen stützen.
Am 20. Oktober 2026 besuchten die Studierenden im Rahmen des Semesterprojekts den CampingPark Kühlungsborn. Der Besuch bot die Gelegenheit, die betrieblichen Abläufe eines großen Campingplatzes kennenzulernen und die Anforderungen an eine KI-gestützte Gästeberatung im praktischen Umfeld zu betrachten.
Der CampingPark Kühlungsborn liegt direkt an der Ostseeküste und zählt zu den renommierten Campinganlagen Deutschlands. Mit seinem umfangreichen Angebot an Stellplätzen, moderner Infrastruktur und vielfältigen Serviceleistungen bietet er ein geeignetes Praxisumfeld, um digitale Beratungs- und Buchungsprozesse zu untersuchen.
Für die Studierenden steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, wie ein KI-Assistent individuelle Gästewünsche mit tatsächlichen Stellplatzmerkmalen, Verfügbarkeiten und verbindlichen Buchungsregeln abgleichen kann. Die Erkenntnisse aus dem Praxisbesuch sollen in die weitere Unternehmensmodellierung und die Entwicklung des zukünftigen Beratungskonzeptes einfließen.
Unternehmensmodellierung verbindet KI und Geschäftsprozesse
Methodisch arbeiten die Studierenden mit der Unternehmensmodellierungsmethode 4EM (For Enterprise Modeling). Sie erfassen zunächst die bestehenden Prozesse, Geschäftsregeln, Akteure und IT-Komponenten in einem IST-Modell. Darauf aufbauend entwickeln sie ein SOLL-Modell für die zukünftige Beratungsarchitektur.
Ein Schwerpunkt liegt auf der klaren Aufgabenverteilung zwischen Sprachmodell und Regelengine. Während das Sprachmodell die Anfrage versteht und Antworten formuliert, prüft die Regelengine verbindliche Anforderungen und zulässige Entscheidungen. Ergänzend liefert ein zentraler Wissensbestand die notwendigen Informationen. Die Studierenden untersuchen, wie diese Komponenten zusammenarbeiten müssen und welche organisatorischen und technischen Veränderungen dafür erforderlich sind.
Anhand konkreter Testfälle sollen die Projektteams außerdem bewerten, wie das System mit fehlenden Angaben, geänderten Kundenwünschen oder veralteten Informationen umgehen kann. Aus den Ergebnissen leiten sie Handlungsempfehlungen für die Weiterentwicklung der bestehenden Lösung ab.
Praxisorientierte Zusammenarbeit mit CampNerd
Das Projekt begleitet Oliver Behrens von CampNerd als fachlicher Mentor. Die Zusammenarbeit ermöglicht den Studierenden, eine reale Herausforderung aus der digitalen Campingwirtschaft zu untersuchen und ihre methodischen Kenntnisse unmittelbar anzuwenden.
Als betreuender Professor ist mir besonders wichtig, dass die Studierenden Künstliche Intelligenz im Zusammenhang mit den zugrunde liegenden Geschäftsprozessen betrachten. Ein Sprachmodell kann eine Kundenanfrage verstehen und verständlich beantworten. Ob eine Empfehlung fachlich zulässig ist, müssen jedoch die hinterlegten Regeln, Daten und Informationen bestimmen. Genau dieses Zusammenspiel sollen die Studierenden systematisch analysieren und gestalten.
Am Ende des Semesters soll ein integriertes IST-/SOLL-Konzept vorliegen, das die notwendigen Prozesse, Entscheidungsregeln und IT-Komponenten beschreibt. Die Ergebnisse sollen CampNerd als fachliche Grundlage für die Weiterentwicklung einer verlässlichen KI-gestützten Campingberatung dienen.
